Illusion

Sie war eine Uluwayt und doch war sie Thorwens Schutzengel. Denn dieses Kind war irgendwie immer da, um ihn zu warnen, bevor etwas Schlimmes passierte. Wenn er doch nur wüsste, warum sie immer verschwand, sobald er sich umdrehte.

Zum ersten Mal sah Thorwen sie am Fluss, wie sie mit viel zu großer Kleidung durch das Wasser watete. Im reißenden Strom wirkte sie zierlich und schutzlos.

Sie kam ihm auf unbestimmte Art vertraut vor.

Als ob sie seinen Blick auf sich spürte, hob das Kind den Kopf und begegnete seinem Blick mit dem ihren.

Er erkannte die markanten Gesichtszüge.

Uluwayt.

Der Gesichtsausdruck des Kindes war offen und unbeschwert.

Das Mädchen hielt ihm ihre Hand entgegen. Ein Lotus lag auf ihrer Handfläche, und Thorwen konnte sehen, wie sich ihre Lippen bewegten und lautlose Worte bildeten.

Thorwen verengte die Augen und schritt auf das Flussufer zu, nur einen Wimpernschlag bevor der Boden hinter ihm explodierte.

Er fuhr herum und starrte auf den Krater, der die Stelle markierte, auf dem er gerade noch einen Atemzug zuvor gestanden hatte.

Wäre er dort geblieben…

Sein Kopf schnellte zurück in Richtung des Flusses.

Auf dem Wasser glitt die Lotusblume sanft dahin.

Das Kind jedoch war verschwunden.

Zum zweiten Mal begegnete er ihr auf dem Schlachtfeld.

Nach stundenlangem Kampf war er bedeckt mit Blut, Dreck und Schweiß.

Und plötzlich war sie da. Sie stand hinter ihm – in ihrem blauen Kleid, lächelte ihr sanftes Lächeln und sah ihn mit einem Ausdruck trauriger Ernsthaftigkeit an.

Wieder bewegten sich ihre Lippen.

Dieses Mal konnte er die Worte lesen. „Hütet Euch vor dem Verräter.“

Verräter, was für ein Verräter?

Thorwen verengte die Augen und drehte sich um – gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie ein Clanbruder, der ihn deckte, sein Kunai auf seinen Rücken richtete.

Kurz entschlossen schlug er ihn nieder.

Verräter in der Tat.

Thorwen drehte sich um.

Wieder war das Kind verschwunden.

Eine rein weiße Chrysantheme erblühte auf dem blutroten Feld.

❁❁

Beim dritten Mal baumelte Thorwen entkräftet und mit schwindenden Chakrareserven von einer Klippe hinunter.

Sie stand auf dem Sims und blickte mit sanften Augen auf ihn herab. „Lasst los.“

Obwohl Thorwen nicht wusste, warum, tat er, was sie sagte.

Er stürzte rapide zu Boden und verfluchte sich selbst dafür, auf ein obskures Kind des Feindes gehört zu haben. Aber dann stießen seine Füße auf etwas Weiches, und er erkannte, dass er in einem Netz aus Ranken gelandet war.

Wieder hatte sie ihn gerettet.

Thorwen war zunehmend fasziniert von diesem seltsamen Kind, das nach Belieben auftauchte und verschwand und ohne Ton sprach.

Sanfter Lavendelduft lullte ihn in einen tiefen Schlaf.

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Thorwen war nicht länger überrascht, als das Kind zum vierten Mal direkt vor ihm erschien.

„Kommst du mir wieder zu Hilfe?“, erkundigte er sich. „Befinde ich mich wieder in tödlicher Gefahr?“

Sie schwieg, und Thorwen trat näher, um das kleine Geschöpf näher betrachten zu können. „Du bist eine Uluwayt.“

Sie legte den Kopf schief.

„Ich bin dein Feind“, fuhr er fort und beobachtete ihre Miene genau, „und dennoch erscheinst du immer wieder vor mir. Sag mir, Kind, warum sollte ich dich nicht auf der Stelle niederstrecken?“

Das Kind lächelte und schüttelte den Kopf. Es lag etwas Trauriges und Unvergängliches in diesem Lächeln.

Ihr kleiner Arm hob sich und sie zeigte auf die Klippe, auf der Helion stand.

Thorwen folgte dem Fingerzeig und sah, wie sein Bruder in einen Kampf mit mindestens fünfzehn Feinden verwickelt war.

Thorwens Augen verengten sich, und er fluchte, bevor er ihm zu Hilfe eilte.

Als der letzte Feind gefallen war, blickte Thorwen zu der Stelle, auf der das Kind gestanden hatte.

Wieder war sie verschwunden.

Er bückte sich und schloss seine Hände behutsam um die Edelwicke, die sie zurückgelassen hatte.

Danach sah Thorwen sie für lange Zeit nicht wieder.

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Erst als er mit den Fingern über den kühlen Stein strich, tauchte sie wieder auf und entstieg einem Sturm von Kirschblüten.

Thorwen wandte sich jungen Kind zu.

Im Gegensatz zu ihm war sie nicht einen einzigen Tag gealtert. Sie war immer noch genauso jung wie an jenem Tag, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Ihre grünen Augen ruhen auf dem Grabstein. Ein trauriger Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.

„Mein Bruder war ein guter Mann“, begann Thorwen leise, „vielleicht ein bisschen töricht, aber er hatte das Herz am rechten Fleck.“

Das Kind blieb still und hörte seinen Worten aufmerksam zu.

„Er hatte einen Traum und eine Vision. Ich glaubte an ihn. Er wollte die Welt zu einem besseren Ort machen.“

Eine sanfte Brise wehte über die Lichtung. Kirschblüten tanzten im Wind und legten sich schließlich auf Helions Grab und bedeckten den Stein wie duftender Schnee.

Thorwen stockte der Atem, als sich eine sanfte Präsenz an seinen Geist schmiegte. „Ich weiß“, flüsterte eine Stimme. Sie klang kindlich und doch ätherisch. „Auch ich will Frieden.“

Er bemerkte plötzlich, dass sie zunehmend durchscheinender wurde.

Instinktiv streckte er die Hand aus, um zu verhindern, dass sie sich zerstreute, doch er war machtlos.

Seine Hände griffen nur in die leere Luft.

Das Mädchen schenkte ihm ein letztes Lächeln. „Lebt wohl, Senju Thorwen. Möge Euer… Leben… ewig währen.“ Ihre Stimme war kaum noch hörbar und wurde mit jedem Wort kraftloser. „Ich habe… nie… bereut… durch… Eure… Hand… zu sterben.“

Dann war sie verschwunden.

Thorwen starrte auf die rote Spinnenlilie, die sie zurückgelassen hatte und plötzlich wusste er wieder, warum sie ihm so vertraut erschienen war.

Er erinnerte sich an das Schlachtfeld, an die entsetzten Schreie der halbwüchsigen, kaum trainierten Uluwayt-Soldaten und den gesprengten Damm, der ihre jungen Leben ausgelöscht hatte.

Doch vor allem erinnerte er sich an den Ausdruck friedlicher Resignation, der in den Augen eines jungen Mädchens erschienen war, als sie sich den tosenden Wellen ergeben hatte.

Mit einem bitteren Lächeln umschloss Thorwen die zerbrechliche Blume schützend mit seinen Händen.

„Ruhe in Frieden, Kind. Mögest du im Tod glücklicher sein als im Leben..“

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  • Lotus:  Reinheit des Körpers, Geistes und der Worte, sehr spirituell
  • Weiße Chrysantheme:  Harmonie der Gegensätze wie Leben und Tod, langes Leben, Verjüngung
  • Lavendel: Treu, vertrauensvoll
  • Edelwicke: Glücklicher Abschied oder bittersüßer Abschied
  • Rote Spinnenlilie:„Blume des Himmels“Abschied für immer, verlorene Erinnerung

Von Marie